Definition
Ein interdisziplinärer Ansatz, der Konzepte und Methoden der Kognitionswissenschaft (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, konzeptuelle Metapher, mentale Simulation, Schemata) anwendet, um zu erklären, wie literarische Mittel und Texteinschaltungen Verstehen, ästhetische Reaktionen und Emotionen bei Leserinnen und Lesern erzeugen.
Prinzip
Prinzip
Literarische Effekte entstehen durch gewöhnliche kognitive Mechanismen, die mit textuellen Affordanzen interagieren: Form und Inhalt aktivieren Schemata, Abbildungen und Simulationen, die zusammen Bedeutung und ästhetische Reaktionen erzeugen.
Demonstration
Demonstration
Illustratives Szenario (hypothetisch): Ein Gedicht verwendet eine taktile Metapher; ein Leser überträgt diese auf sensomotorische Schemata, was eine lebhafte Simulation und verstärkte affektive Reaktion fördert — diese Kette (Hinweis → Mapping → Simulation → Reaktion) ist durch Lesezeiten oder psychophysiologische Messungen prüfbar.
Fehlanwendung
Fehlanwendung
Ästhetischen Wert rein mechanistisch zu erklären (d. h. zu behaupten, die kognitive Erklärung entziehe sich interpretativer oder kultureller Bedeutung); der semantische Fehler ist, Erklärung mit Reduktion gleichzusetzen statt sie als ergänzend zu sehen.
Konsequenz
Konsequenz
Erzeugt testbare Hypothesen zur Leser*innenverarbeitung, liefert empirische Werkzeuge zur Korrelation textlicher Merkmale mit Reaktionen und bietet einen Rahmen, formale Analyse mit experimentellen Daten der Literaturwissenschaft zu verbinden.
Umkehrung
Umkehrung
Kultureller Kontext, historische Konventionen, Expertise der Leser*innen und institutionelles Framing können kognitive Verarbeitung und ästhetische Reaktion stark modifizieren, sodass identische textuelle Merkmale unterschiedliche Effekte haben.
Abgrenzung
Abgrenzung
Befasst sich mit psychologischen und kognitiven Mechanismen der literarischen Rezeption; sie beantwortet keine normativen Fragen nach Wert oder Interpretationsautorität jenseits der Beschreibung wahrscheinlicher kognitiver Wege.
Semantische Spannung
Semantische Spannung
Formale/nahlesende Praxis ↔ Empirische/experimentelle kognitive Methoden — komplementäre Zielsetzungen, die verschiedene Evidenz- und Erklärungsebenen betonen.
Synthese
Synthese
Kognitive Poetik verankert literarische Interpretation in empirisch zugänglichen kognitiven Prozessen: sie ersetzt nicht die interpretative Urteilskraft und reduziert Literatur nicht auf Mechanik, sondern verbindet textliche Techniken mit wahrscheinlichen, beobachtbaren kognitiven Operationen.