Definition
Das Vermischen von Lesarten aus unterschiedlichen Handschriftentraditionen oder Exemplaren in einem einzigen Zeugen, sodass der Zeuge eine zusammengesetzte Variantengruppe statt eines genealogisch kohärenten Textes bewahrt.
Prinzip
Prinzip
Wenn ein Schreiber oder Herausgeber für denselben Abschnitt mehrere Exemplare heranzieht, kann der entstehende Zeuge nicht ohne Lesart‑level‑Analyse als einer einzigen Überlieferungszweig zugehörig betrachtet werden.
Demonstration
Demonstration
Illustratives Szenario → Ein mittelalterlicher Schreiber kopiert einen Abschnitt aus zwei Exemplaren A und B; für einige Passagen folgt er A, für andere B und erzeugt so Handschrift C mit gemischten A‑ und B‑Lesarten. Die Erkennung von C als kontaminiert veranlasst den Herausgeber, jede strittige Stelle gegenüber A und B zu prüfen, statt C als einzigen Vorfahren anzusehen.
Fehlanwendung
Fehlanwendung
Einen kontaminierten Zeugen als einheitlichen Vertreter einer Tradition zu behandeln und ihn unkritisch zur Rekonstruktion einer »originalen« Lesart zu verwenden. Der Fehler besteht darin, die Zeugensidentität auf Zeugenebene mit der Pluralität von Lesarten zu vermischen.
Konsequenz
Konsequenz
Kontamination untergräbt einfache Stammbaum‑Modelle, erfordert Lekturenanalyse auf Lesartenebene und erhöht die Notwendigkeit vergleichender Methoden sowie interner Kriterien zur Bestimmung älterer Formen.
Umkehrung
Umkehrung
Ist die Kontamination systematisch (etwa eine bewusste Recension) oder auf marginale Lesarten beschränkt, kann der Zeuge dennoch für die Rekonstruktion nützlich sein, sofern der Herausgeber das Muster der Vermischung identifiziert und modelliert.
Abgrenzung
Abgrenzung
Eindeutig innerhalb: eine Handschrift, deren Varianten sich an verschiedenen Stellen mit zwei unterschiedlichen Handschriftenfamilien decken. Grenzfall: ein Zeuge zeigt gelegentliche Angleichungen an ein Exemplar, ist sonst aber kohärent. Eindeutig außerhalb: isolierte Fehler oder orthographische Unterschiede, die nicht auf mehrere Exemplare zurückgehen.
Semantische Spannung
Semantische Spannung
Spannung zwischen stammbaumorientierter Reinheit (Zeugen als diskrete Zweige) und eklektischen Methoden, die Lesarten einzeln bewerten; Kontamination erzwingt eine Abwägung zwischen genealogischer und lokaler Lesartenanalyse.
Synthese
Synthese
Kontamination verwandelt Zeugen von einheitlichen Knoten eines Überlieferungsbaums in zusammengesetzte Lesartenspeicher; Herausgeber müssen viele Zeugen als Zusammensetzung lokaler Textgeschichten behandeln.